die barre / bonn

October 15, 2008

ACHTUNG, NOSTALGIE ALARM!!

– Ein sehr später Nachruf –

Die Barre gibt es schon lange nicht mehr.  Im Sommer 1989 schloss sie nach gefühlten 100 Jahren ihre Türen, um angeblich der Verlegung der U-Bahn, die bis zu diesem verhängnisvollen Sommer noch problemlos an der Kneipe vorbeifahren konnte, zu weichen.

Jene Türen, hinter denen sich – wie ich zuerst im zarten Alter von 15 Jahren von vorwiegend erwachsener Seite erfuhr – angeblich wilde Haschorgien, Stromgitarrenmusik und allerlei gar Schröckliches abspielte.  Da mußte ich selbstredend un-be-dingt rein :-D

Das Problem war nur, meine Freundinnen zum Mitkommen zu überreden, die wenig Interesse daran hatten, dort ihre älteren Geschwister zu treffen (den Geschwistern ging es zweifellos ähnlich).

Ich erinnere mich daher noch gut an den ersten Abend, als wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite nervös herumstanden, um uns geistig auf die Konfrontation mit dem Türsteher vorzubereiten – der Eintritt war natürlich erst ab 18.  Also, theoretisch.  Der Türsteher entpuppte sich darüberhinaus als Gast, dem es ergo völlig schnuppe war, daß da jetzt 3 kleene Teenager reinschlüpften und mit großen Augen in einer ziemlich leeren Kneipe standen.  Es war gerade mal 20 Uhr, und zu der Zeit war hier tote Hose.  Von wilden Orgien, Drogen, oder lauter Musik keine Rede.

Noch Jahre später mußten wir unseren Eltern erklären, “wieso man da erst ab 22 Uhr auftauchen könne, vorher sei da halt nix los” (interessant finde ich in dem Zusammenhang, daß sich der Beginn des heutigen Nachtlebens mittlerweile bis weit nach Mitternacht verschoben hat).  Auch die Verbleibdauer mußte, zumindest in meinem Elternhaus, regelmäßig neu verhandelt werden, denn ich habe dort bis zur Schließung im Schnitt 5 Abende pro Woche verbracht.  Nicht, daß sich dort regelmäßig faszinierende Dinge abgespielt hätten…. aber in dem Alter hat man ja immer das blöde Gefühl, ausgerechnet an dem Abend was zu verpassen, an dem man mal nicht da war.  Manchmal bin ich deshalb, nachdem meine Mutter schon schlief, aus dem Fenster geklettert und wieder hingegangen.

Die Barre war damals mein zweites, was sag ich – mein erstes Wohnzimmer.

Hier habe ich innerhalb eines halben Jahres mehr Leute kennengelernt, als in meinem (zugegebenermaßen recht jungen) Leben davor, darunter auch meine Erste Große Liebe, die – wie es sich für Erste Große Lieben gehört – selbstverständlich kreuzunglücklich endete; man konnte dort zudem jederzeit alleine aufschlagen und traf immer auf Bekannte.

Die Karnevalsfeiern waren legendär weil relativ unkarnevalistisch, zumindest von der Musik her; in der Vorweihnachtszeit gab es den “Adventskalender”, der es in sich hatte… und ein bißchen gekifft wurde dort wohl auch ab und zu ‘-)

Nach der Sperrstunde kamen öfter mal die Bullen vorbei, dann mußten sich die übriggebliebenen Gäste eben kurz im Getränkekeller oder in der sehr kleinen Küche verstecken.

Im August ’89 kehrte ich von einem Griechenland-Urlaub zurück, fand mich noch am Abend meiner Ankunft in der Barre ein und mußte erfahren, daß der Abriß nun fest beschlossene Sache sei.  Der Stadt Bonn war die Barre von jeher ein Dorn im Spießerauge gewesen.

An besagtem Abend hörte ich dieses Lied in rheinischem Dialekt und fand es daher spontan erst einmal furchtbar – sogar noch, als ich merkte, daß es sich hier um eine Huldigung meiner Lieblingskneipe handelte:

Gesprochen:

“He hann mer uns jetroffe, noh Strisch un Faade besoffe.

Jeheult, jelaat und massisch Driss jemaat.

Barriere – zweite Heimat.”

Doh am Flipper stonn isch römm

un bin noh jet am Klöne,

schriev ming Sprüsch no’ an die Wand

Weil da nur jet Blödsinn stond

Meine Kumpels sin all doh, die sin ums Kölsch am Schocke

Beim näxten Spiel bin isch mit drin, weil schon 6 Strich op minge Deckel sind

Et Lischt jeht uss, so ne Driss, weil allweeder Sperrstund is

Et darf nit wor sinn, isch pack et nimmieh

Isch bin doch kaum fünnef Stunden heh

Barriere Treffpunkt Theke, Barriere ohne Dich

Barriere do am Bahnjleis, Barriere jeht et nich

Für nem Johr da han isch heh et iehtzte Mal pussiert

Auch meine Ex kenn isch uss der Barre

bloß verzäll nix, sonst han isch nix zu lache

Barriere Treffpunkt Theke, Barriere ohne Dich

Barriere do am Bahnjleis, Barriere jeht et nich

Bridge:

Und jetz kütt die Stadt daheh

un säht “Barre – wesch, adé!

Jetz is die U-Bahn dran, un die muß da lang!”

un de Lück, wohin jon die?

Wo trink isch jetzt ming Bier?

Wo verzäll isch bis öm vier?

Aafjerisse mann, mensch isch häng da dran

meine Welt wird kleiner, und das tut weh!

Barriere Treffpunkt Theke, Barriere ohne Dich

Barriere do am Bahnjleis, Barriere jeht et nich

(ad finitum, mit diversen Zwischenrufen, Gläserstoßen und allerlei Kneipenkrach im Hintergrund)

Das “Barre-Leed” war eine Koproduktion mehrerer Stammgäste, im “Chor” sang die gesamte Belegschaft mit, und auch ich konnte mich dem Zauber der Stunde bald nicht mehr erwehren und grölte fortan fleißig mit.

In den finalen Wochen des ‘summer of 89’ fand man sich mit vielen, vielen anderen vor der Kneipe ein, und ein letzter revolutionärer Akt der Auflehnung bestand darin, daß der verrückte finnische Maler Martin einer vorbeifahrenden U-Bahn den Scheibenwischer abriß.

Achja, damals…

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3 Responses to “die barre / bonn”

  1. Muschi Obermaier / Mitte « bitchinberlin Says:

    […] habe sehr wohl an anderer Stelle kneipentechnisch schon in Nostalgie geschwelgt, aber der Reiz der Kneipe scheint sich meines Erachtens vorwiegend der/m Unverpaarten zu […]

  2. Andrea R. Says:

    Ja, ja, die Barre war schon was besonderes. Wie gut dass es meiner Schwester nie peinlich war, ihre Schwester dort zu sehen … allerdings bin ich ja auch einige Male der fahrbare Untersatz für den Weg nach Hause gewesen … da musste man sich ja vertragen. :-) Well done, Natascha!! Lol Andrea

  3. eichiberlin Says:

    Netter Nachruf. Ugly old Bonn war besser. Viel zu pretty heute, mit Starbucks und T-Com.

    Prima Blog übrigens. Gruß aus Ch´Burg :-)

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